Von Janett Schwerdtfeger

Warum wir eine neue Vernunft in der Wirtschaft brauchen

Zahllose gut beratene Unternehmen stecken im zähen Schlamm nicht enden wollender Transformationsprojekte fest. Wo früher Planbarkeit und Qualität wichtige Tugenden waren, sind heute Desorientierung und Permanent Beta an der Tagesordnung. Muss das so sein?

Warum und wie wir unseren Herausforderungen der Zukunft besser mit Vernunft begegnen.

Es scheint Common Sense zu sein, dass neue Herausforderungen neue Begriffe und junges Blut brauchen. Weil auch in der Digitalisierung so richtig Neues aber kaum einer bieten kann, werden alte Begriffe der Management-Literatur fröhlich wieder aufgewärmt und YouTube-tauglich verpackt; aus Kundenorientierung wird Customer Centricity; aus lernenden Organisationsformen werden Tribes, Squads und Guilds. Anstelle langjährig erfahrener Mitarbeiter schrauben heute 20-jährige IT-Söldner in Labs an der Zukunftsfähigkeit der Unternehmen von morgen – möglichst frei und fernab vom Kerngeschäft.

Die Wirtschaft verliert sich im
Digitalisierungs-Hype

Die neue Welt hat so viel Sogkraft, dass die Tugenden der alten Welt nicht nur systematisch unterschätzt, sondern jubelnd über Bord geworfen werden. Unternehmen und ihre Beratungen starten ein digitales Wettrüsten, gehen auf im Rausch der Selbsterneuerung und vergessen sich und ihre Wurzeln.

Auf der Suche nach Disruption sind alle Mittel recht und so huldigen die Jünger der Digitalisierung dem MVP und predigen Fehlerkultur als den einzigen Weg des Lernens. Über den Permanent-Beta-Status kommt aber doch keiner wirklich hinaus – so dass dieser einfach zum neuen Verständnis der Unternehmensführung verklärt wird. Und mit dem Begriff „New Work“ hört sich das Ganze sogar richtig nett an.

Um dieser Dauerrotation im beruflichen Alltag zu entrinnen, kommt ein modernes Leben eigentlich kaum noch ohne Yoga, Slow Food und Meditations-Apps aus. Die Wirtschaftswelt scheint ihre Fähigkeit zur Besinnung aber verloren zu haben.

Aus guten Motiven für die Zukunft
werden strategische Abziehbilder

Bei all der Aufbruchstimmung und neuen Agilität in der digitalen Transformation verlieren sich viele Unternehmen im blinden Aktionismus. Entsprechend ernüchternd ist oft das Resultat aller Bemühungen: Langwierige und zermürbende Prozesse, schlechte Planbarkeit, Unklarheit über Ziele und Verantwortlichkeiten, Unruhe und Frust auf den Chefetagen und bei den Mitarbeitern. Die strategischen Zukunftsszenarien und Kulturvisionen, die vielerorts entwickelt werden, sind erstaunlich phantasielose One-fits-all-Lösungen von der Stange. Viel mehr als den Angleich von Angebot und Services an digitale Standards leisten die meisten Digitalstrategien dann doch nicht. Da hilft es auch nicht weiter, wenn man sich im Zuge des Purpose-Trends das Why eines Weltverbesserers gibt.

Weil keiner mehr das große Ganze sieht und alle nach Sicherheit im Wandel streben, verkümmern große Vorhaben in kleinen operativen Erfolgen. Statt die Unternehmen wirklich für die Zukunft zu rüsten, werden so Ressourcen verbrannt und zunehmend Veränderungsmüdigkeit geschürt. Der große Wurf bleibt aus; es lebe der billige Quick Win. Genau hier liegt der Fehler.

Eigentlich denken wir alle noch zu klein und zu herkömmlich. Einfach nur unsere Anpassungs- und Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, ist die falsche Antwort auf unsere Herausforderungen. Die Digitalisierung verlangt von uns, dass wir uns, unsere Art, zu leben und zu arbeiten, und das, was wir als Menschen leisten können, grundlegend hinterfragen. Denn uns Menschen wird in der zukünftigen Arbeitswelt eine andere Bedeutung zukommen. Und die Produkte und Dienstleistungen, die wir immer digitaler gestalten, verändern zunehmend unsere Gesellschaft.
Schon jetzt stoßen wir dabei immer merkbarer an natürliche Grenzen: Damit sind nicht nur der Klimawandel und das Weltwirtschaftswachstum gemeint, sondern auch unsere kognitiven Fähigkeiten als Menschen. Dank der technologischen Entwicklung können wir heute weitaus mehr Aufgaben an einem Tag bewältigen, müssen aber auch entsprechend mehr Informationen verarbeiten und in kürzerer Zeit immer kreativer werden.

Dass der Fluss der Gedanken aber keine Ressource ist, die 24/7 abrufbar ist, kann jeder Wissensarbeiter bestätigen. Die zunehmende kognitive Überlastung ist auch ein Grund für den rapiden Anstieg der Burn-out-Fälle pro Jahr. Und es ist leider Zeugnis einer moralisch fragwürdigen Haltung in der Wirtschaft, wenn Unternehmen eher Standardprozesse für den Umgang mit ausgebrannten Mitarbeitern aufsetzen, als das System zu verändern, das so unachtsam mit seinen wichtigsten Ressourcen umgeht.

Sollten wir uns in so einer Zeit nicht bewusster die Frage stellen, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf unser Leben und auf unsere Gesellschaft haben wird?

Digitalisierungsfragen müssen
globaler und menschlicher
beantwortet werden

Wir stecken schon alle in der
digitalen Transformation – ob wir
wollen oder nicht

Dieser Artikel will neue Technologien und die Digitalisierung nicht verteufeln. Ganz im Gegenteil. Denn wir stecken schon alle mitten in der digitalen Transformation, ob wir wollen oder nicht. Vielmehr ist dies ein Plädoyer für mehr Bewusstsein im digitalen Wandel.

Wir sollten nicht weiterhin alles Neue als gut und besser annehmen – genauso wenig wie wir Altes verklären sollten. Wir sollten uns weniger von der steigenden Komplexität unserer Zeit verwirren lassen und uns wieder Zeit und Raum zum Nachdenken verschaffen. Wir müssen damit aufhören, ständig ängstlich zur Konkurrenz zu schielen, und wieder mehr Vertrauen in unsere eigenen Stärken entwickeln. Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern gerade auch für Unternehmen.

Wir müssen uns dem ganzen Tumult rund um die Digitalisierung bewusst entziehen, um uns wieder stärker unserer Rolle, unserer Fähigkeiten und unserer Grenzen als Menschen bewusst zu werden. Denn als vernunftbegabte Wesen sind wir noch immer in der Lage und auch in der Pflicht, die Welt, in der wir leben wollen, proaktiv zu gestalten. Unsere Fähigkeit zur Vernunft unterscheidet uns von den Algorithmen der neuen Technologien. Wir können künstliche Intelligenzen in ihrer Logik zwar nicht übertreffen, aber dafür können wir die Dinge ganzheitlich sehen und Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge in ihren tatsächlichen Konsequenzen bewerten. Im Gegensatz zu den Algorithmen können wir Entscheidungen mit Weitsicht treffen – wenn wir es nur wollen.

Mit mehr Vernunft können wir
wieder eine aktive Rolle einnehmen

Anstatt sich kopflos zum Sklaven von Zeit- und Wettbewerbsdruck zu machen, sollten Unternehmen der Digitalisierung mit mehr Sinn, Verstand und Mut begegnen. Sie sollten ein klares Bild davon entwickeln, welche Rolle sie zukünftig in unserer Gesellschaft spielen und welchen Beitrag sie leisten wollen. Und erst mit diesem klaren Kompass sollten sie die digitale Transformation einleiten.

 

 

 

Was wir dabei von Apple, Amazon
und Google lernen können?

Was wir dabei von den multinationalen Digitalriesen Apple, Amazon und Google und hippen Start-ups wie Darkhorse wirklich lernen können? Dass es sich auszahlt, seinen eigenständigen Weg zu gehen und sein Tun konsequent an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten (auch wenn der Fokus bei den meisten leider noch zu oft nur auf dem Kunden liegt). Dass die digitale Elite neue Technologien sehr gut für sich zu nutzen weiß, ist nur ein Teil ihrer Erfolgsgeschichte.

Mehr Geradlinigkeit und mehr Orientierung am Menschen – ein Ansatz, der eigentlich zu trivial klingt, in seiner Umsetzung scheinbar aber noch immer unmöglich ist. Zu stark sind die gewachsenen Strukturen in Konzernen, in denen dem Management die unmittelbare Nähe zu ihren Mitarbeitern und Kunden längst verloren gegangen ist. Zu häufig werden Entscheidungen opportunistisch gefällt und an kurzfristigen Zielen ausgerichtet, nicht aber an Sinnhaftigkeit oder dem Menschlichkeitsgedanken. Weil das, was der Gesamtheit einen deutlichen Mehrwert bringen würde, dem Einzelnen weniger hilft, setzt es sich nicht durch.

 

Der Wandel in Unternehmen scheitert an
den bestehenden Strukturen

 

In diesem gelebten Gefangenen-Dilemma stehen viele Unternehmen ihrer Transformationsfähigkeit selbst im Weg. Sie sind quasi gezwungen, sich direkt in den eingangs beschriebenen Transformationsschlamm zu begeben und – wenn überhaupt – ihre Zukunft außerhalb der eigentlichen Organisation zu gestalten – mithilfe von Heerscharen externer Berater und Labs. Und so ist es kein Wunder, dass ein neuer Purpose meist nur ein Lippenbekenntnis bleibt und die schwer erkämpften Ergebnisse der digitalen Transformationsprozesse sich immer wieder anfühlen wie faule Kompromisse.

IST DAS VERNÜNFTIG? NEIN.

Vernünftiger wäre es, wenn Unternehmen wieder mehr aus sich selbst heraus geführt würden. Wenn jeder Einzelne im Unternehmen mehr Verantwortung übernehmen und über seinen Schatten springen würde. Wenn man wirklich an einem runden Tisch arbeiten würde. Aber das erfordert ein Bewusstsein für seine eigenen Stärken und Wirksamkeit sowie Mut und Vertrauen. Und das bei allen Beteiligten in einer Organisation.
Umso wichtiger ist es, den unternehmerischen Wandel nicht mit Phrasen zu forcieren, sondern eine gemeinsame Vision zu entwickeln und zu leben. Eine Vision, die mehr will, als wirtschaftliche Ziele zu erreichen, und die für Mitarbeiter genauso wie für Kunden gilt. Eine Vision, die zur aktiven Mitgestaltung aufruft. Denn wenn wir begreifen, warum wir etwas machen, welchen Beitrag wir für das Ganze leisten, dann steigert das unsere Motivation, das Richtige zu tun.

Strukturen können nur verändert werden, wenn alle gemeinsame Sache machen –
am besten eine, die den Menschen weiterbringt

Die Unternehmensführung muss in der digitalen Transformation Leitplanken setzen, die in wirklichen systemischen Veränderungen resultieren. Nur wenn Unternehmen Wandel in dieser Ganzheitlichkeit begreifen und ihre Organisation konsequent an der Idee von ihrer zukünftigen Rolle ausrichten, können sie den Sprung schaffen. Den Sprung, ein Unternehmen zu werden, das wieder das Wesentliche im Blick hat: seinen langfristigen Beitrag für die Gesellschaft und weniger für die nächsten Bilanzen.

Dass der Kunde eine solche Haltung mit Treue belohnen wird und der Mitarbeiter mit mehr Identifikation und Motivation, lehren uns die Konsum- und Trendforschung sowie die Arbeits- und Organisationspsychologie bereits seit geraumer Zeit. Wenn man ehrlich ist, tragen wir die dahinterliegenden Werte Menschlichkeit und Gemeinschaftssinn aber schon weitaus länger in unseren Herzen – mindestens seit der Antike. Es erscheint daher geradezu paradox, dass es die Digitalisierung ist, die unsere moderne Wirtschaftswelt dazu auffordert, menschlicher zu werden als je zuvor.

Zahllose gut beratene Unternehmen stecken im zähen Schlamm nicht enden wollender Transformationsprojekte fest. Wo früher Planbarkeit und Qualität wichtige Tugenden waren, sind heute Desorientierung und Permanent Beta an der Tagesordnung. Muss das so sein?

Warum und wie wir unseren Herausforderungen der Zukunft besser mit Vernunft begegnen.

Es scheint Common Sense zu sein, dass neue Herausforderungen neue Begriffe und junges Blut brauchen. Weil auch in der Digitalisierung so richtig Neues aber kaum einer bieten kann, werden alte Begriffe der Management-Literatur fröhlich wieder aufgewärmt und YouTube-tauglich verpackt; aus Kundenorientierung wird Customer Centricity; aus lernenden Organisationsformen werden Tribes, Squads und Guilds. Anstelle langjährig erfahrener Mitarbeiter schrauben heute 20-jährige IT-Söldner in Labs an der Zukunftsfähigkeit der Unternehmen von morgen – möglichst frei und fernab vom Kerngeschäft.

Die Wirtschaft verliert sich im
Digitalisierungs-Hype

Die neue Welt hat so viel Sogkraft, dass die Tugenden der alten Welt nicht nur systematisch unterschätzt, sondern jubelnd über Bord geworfen werden. Unternehmen und ihre Beratungen starten ein digitales Wettrüsten, gehen auf im Rausch der Selbsterneuerung und vergessen sich und ihre Wurzeln.

Auf der Suche nach Disruption sind alle Mittel recht und so huldigen die Jünger der Digitalisierung dem MVP und predigen Fehlerkultur als den einzigen Weg des Lernens. Über den Permanent-Beta-Status kommt aber doch keiner wirklich hinaus – so dass dieser einfach zum neuen Verständnis der Unternehmensführung verklärt wird. Und mit dem Begriff „New Work“ hört sich das Ganze sogar richtig nett an.

Um dieser Dauerrotation im beruflichen Alltag zu entrinnen, kommt ein modernes Leben eigentlich kaum noch ohne Yoga, Slow Food und Meditations-Apps aus. Die Wirtschaftswelt scheint ihre Fähigkeit zur Besinnung aber verloren zu haben.

Aus guten Motiven für die Zukunft
werden strategische Abziehbilder

Bei all der Aufbruchstimmung und neuen Agilität in der digitalen Transformation verlieren sich viele Unternehmen im blinden Aktionismus. Entsprechend ernüchternd ist oft das Resultat aller Bemühungen: Langwierige und zermürbende Prozesse, schlechte Planbarkeit, Unklarheit über Ziele und Verantwortlichkeiten, Unruhe und Frust auf den Chefetagen und bei den Mitarbeitern. Die strategischen Zukunftsszenarien und Kulturvisionen, die vielerorts entwickelt werden, sind erstaunlich phantasielose One-fits-all-Lösungen von der Stange. Viel mehr als den Angleich von Angebot und Services an digitale Standards leisten die meisten Digitalstrategien dann doch nicht. Da hilft es auch nicht weiter, wenn man sich im Zuge des Purpose-Trends das Why eines Weltverbesserers gibt.

Weil keiner mehr das große Ganze sieht und alle nach Sicherheit im Wandel streben, verkümmern große Vorhaben in kleinen operativen Erfolgen. Statt die Unternehmen wirklich für die Zukunft zu rüsten, werden so Ressourcen verbrannt und zunehmend Veränderungsmüdigkeit geschürt. Der große Wurf bleibt aus; es lebe der billige Quick Win. Genau hier liegt der Fehler.

Digitalisierungsfragen müssen
globaler und menschlicher
beantwortet werden

Eigentlich denken wir alle noch zu klein und zu herkömmlich. Einfach nur unsere Anpassungs- und Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, ist die falsche Antwort auf unsere Herausforderungen. Die Digitalisierung verlangt von uns, dass wir uns, unsere Art, zu leben und zu arbeiten, und das, was wir als Menschen leisten können, grundlegend hinterfragen. Denn uns Menschen wird in der zukünftigen Arbeitswelt eine andere Bedeutung zukommen. Und die Produkte und Dienstleistungen, die wir immer digitaler gestalten, verändern zunehmend unsere Gesellschaft.
Schon jetzt stoßen wir dabei immer merkbarer an natürliche Grenzen: Damit sind nicht nur der Klimawandel und das Weltwirtschaftswachstum gemeint, sondern auch unsere kognitiven Fähigkeiten als Menschen. Dank der technologischen Entwicklung können wir heute weitaus mehr Aufgaben an einem Tag bewältigen, müssen aber auch entsprechend mehr Informationen verarbeiten und in kürzerer Zeit immer kreativer werden.

Dass der Fluss der Gedanken aber keine Ressource ist, die 24/7 abrufbar ist, kann jeder Wissensarbeiter bestätigen. Die zunehmende kognitive Überlastung ist auch ein Grund für den rapiden Anstieg der Burn-out-Fälle pro Jahr. Und es ist leider Zeugnis einer moralisch fragwürdigen Haltung in der Wirtschaft, wenn Unternehmen eher Standardprozesse für den Umgang mit ausgebrannten Mitarbeitern aufsetzen, als das System zu verändern, das so unachtsam mit seinen wichtigsten Ressourcen umgeht.

Sollten wir uns in so einer Zeit nicht bewusster die Frage stellen, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf unser Leben und auf unsere Gesellschaft haben wird?

Wir stecken schon alle in der
digitalen Transformation – ob wir
wollen oder nicht

Dieser Artikel will neue Technologien und die Digitalisierung nicht verteufeln. Ganz im Gegenteil. Denn wir stecken schon alle mitten in der digitalen Transformation, ob wir wollen oder nicht. Vielmehr ist dies ein Plädoyer für mehr Bewusstsein im digitalen Wandel.

Wir sollten nicht weiterhin alles Neue als gut und besser annehmen – genauso wenig wie wir Altes verklären sollten. Wir sollten uns weniger von der steigenden Komplexität unserer Zeit verwirren lassen und uns wieder Zeit und Raum zum Nachdenken verschaffen. Wir müssen damit aufhören, ständig ängstlich zur Konkurrenz zu schielen, und wieder mehr Vertrauen in unsere eigenen Stärken entwickeln. Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern gerade auch für Unternehmen.

Wir müssen uns dem ganzen Tumult rund um die Digitalisierung bewusst entziehen, um uns wieder stärker unserer Rolle, unserer Fähigkeiten und unserer Grenzen als Menschen bewusst zu werden. Denn als vernunftbegabte Wesen sind wir noch immer in der Lage und auch in der Pflicht, die Welt, in der wir leben wollen, proaktiv zu gestalten. Unsere Fähigkeit zur Vernunft unterscheidet uns von den Algorithmen der neuen Technologien. Wir können künstliche Intelligenzen in ihrer Logik zwar nicht übertreffen, aber dafür können wir die Dinge ganzheitlich sehen und Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge in ihren tatsächlichen Konsequenzen bewerten. Im Gegensatz zu den Algorithmen können wir Entscheidungen mit Weitsicht treffen – wenn wir es nur wollen.

Mit mehr Vernunft können wir wieder eine aktive Rolle einnehmen

Anstatt sich kopflos zum Sklaven von Zeit- und Wettbewerbsdruck zu machen, sollten Unternehmen der Digitalisierung mit mehr Sinn, Verstand und Mut begegnen. Sie sollten ein klares Bild davon entwickeln, welche Rolle sie zukünftig in unserer Gesellschaft spielen und welchen Beitrag sie leisten wollen. Und erst mit diesem klaren Kompass sollten sie die digitale Transformation einleiten.

Was wir dabei von Apple,
Amazon und Google lernen können?

Was wir dabei von den multinationalen Digitalriesen Apple, Amazon und Google und hippen Start-ups wie Darkhorse wirklich lernen können? Dass es sich auszahlt, seinen eigenständigen Weg zu gehen und sein Tun konsequent an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten (auch wenn der Fokus bei den meisten leider noch zu oft nur auf dem Kunden liegt). Dass die digitale Elite neue Technologien sehr gut für sich zu nutzen weiß, ist nur ein Teil ihrer Erfolgsgeschichte.

Mehr Geradlinigkeit und mehr Orientierung am Menschen – ein Ansatz, der eigentlich zu trivial klingt, in seiner Umsetzung scheinbar aber noch immer unmöglich ist. Zu stark sind die gewachsenen Strukturen in Konzernen, in denen dem Management die unmittelbare Nähe zu ihren Mitarbeitern und Kunden längst verloren gegangen ist. Zu häufig werden Entscheidungen opportunistisch gefällt und an kurzfristigen Zielen ausgerichtet, nicht aber an Sinnhaftigkeit oder dem Menschlichkeitsgedanken. Weil das, was der Gesamtheit einen deutlichen Mehrwert bringen würde, dem Einzelnen weniger hilft, setzt es sich nicht durch.

Der Wandel in Unternehmen scheitert an
den bestehenden Strukturen

In diesem gelebten Gefangenen-Dilemma stehen viele Unternehmen ihrer Transformationsfähigkeit selbst im Weg. Sie sind quasi gezwungen, sich direkt in den eingangs beschriebenen Transformationsschlamm zu begeben und – wenn überhaupt – ihre Zukunft außerhalb der eigentlichen Organisation zu gestalten – mithilfe von Heerscharen externer Berater und Labs. Und so ist es kein Wunder, dass ein neuer Purpose meist nur ein Lippenbekenntnis bleibt und die schwer erkämpften Ergebnisse der digitalen Transformationsprozesse sich immer wieder anfühlen wie faule Kompromisse.

IST DAS VERNÜNFTIG? NEIN.

Vernünftiger wäre es, wenn Unternehmen wieder mehr aus sich selbst heraus geführt würden. Wenn jeder Einzelne im Unternehmen mehr Verantwortung übernehmen und über seinen Schatten springen würde. Wenn man wirklich an einem runden Tisch arbeiten würde. Aber das erfordert ein Bewusstsein für seine eigenen Stärken und Wirksamkeit sowie Mut und Vertrauen. Und das bei allen Beteiligten in einer Organisation.
Umso wichtiger ist es, den unternehmerischen Wandel nicht mit Phrasen zu forcieren, sondern eine gemeinsame Vision zu entwickeln und zu leben. Eine Vision, die mehr will, als wirtschaftliche Ziele zu erreichen, und die für Mitarbeiter genauso wie für Kunden gilt. Eine Vision, die zur aktiven Mitgestaltung aufruft. Denn wenn wir begreifen, warum wir etwas machen, welchen Beitrag wir für das Ganze leisten, dann steigert das unsere Motivation, das Richtige zu tun.

Strukturen können nur verändert werden, wenn alle gemeinsame Sache machen –
am besten eine, die den Menschen weiterbringt

Die Unternehmensführung muss in der digitalen Transformation Leitplanken setzen, die in wirklichen systemischen Veränderungen resultieren. Nur wenn Unternehmen Wandel in dieser Ganzheitlichkeit begreifen und ihre Organisation konsequent an der Idee von ihrer zukünftigen Rolle ausrichten, können sie den Sprung schaffen. Den Sprung, ein Unternehmen zu werden, das wieder das Wesentliche im Blick hat: seinen langfristigen Beitrag für die Gesellschaft und weniger für die nächsten Bilanzen.

Dass der Kunde eine solche Haltung mit Treue belohnen wird und der Mitarbeiter mit mehr Identifikation und Motivation, lehren uns die Konsum- und Trendforschung sowie die Arbeits- und Organisationspsychologie bereits seit geraumer Zeit. Wenn man ehrlich ist, tragen wir die dahinterliegenden Werte Menschlichkeit und Gemeinschaftssinn aber schon weitaus länger in unseren Herzen – mindestens seit der Antike. Es erscheint daher geradezu paradox, dass es die Digitalisierung ist, die unsere moderne Wirtschaftswelt dazu auffordert, menschlicher zu werden als je zuvor.