Von Nils Wischmeyer

Der stärkste Muskel ist der Geist

Spitzensportler schaffen es, ihre Motivation über lange Zeit hinweg hochzuhalten und nach Rückschlägen sogar stärker zurückzukommen. In ihren Methoden stecken Erkenntnisse für uns alle.

Foto: Inger Diederich

Foto: Inger Diederich

Maximilian Longrée war ein echter Ironman. Als Sieger des härtesten Triathlons der Welt war er bereits mehrfach 3,86 Kilometer geschwommen, 180,2 Kilometer Rad gefahren und 42,195 Kilometer gelaufen. Es lief gut für ihn. Dann fuhr ihn in den USA ein Auto an, verletzte ihn schwer. Später sollte ein Arzt in den USA feststellen, dass unter anderem sein Schienbeinmuskel gerissen war.

Für den Top-Athleten Longrée hätte es das Ende der Karriere sein können. Er hätte sich auskurieren und irgendetwas anderes machen können, vielleicht als Versicherungsvertreter oder Bankkaufmann. Hätte. Denn Longrée hatte andere Pläne: „Für mich war direkt klar, dass ich mir selbst ein Reha-Programm schreibe und noch besser zurückkomme”, sagt er heute. Kaum jemand glaubte damals daran. Doch sechs Monate später lief, schwamm und fuhr Longrée drei Ironman-Triathlons innerhalb weniger Wochen. Zwei davon beendete er in der Spitzengruppe.

Die Geschichte Longrées, der heute unter anderem Vorträge zu Motivation und Gesundheit hält, ist ein Lehrbeispiel dafür, dass Spitzensportler es schaffen, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren. Dass sie sich zurückkämpfen, sich selbst in vermeintlich ausweglosen Situationen auf ihr Ziel fokussieren können – und es am Ende auch erreichen. Doch wie machen sie das? Wie motivieren sich erfolgsverwöhnte Sportidole wie Cristiano Ronaldo, Roger Federer oder LeBron James? Ziehen sie ihren Antrieb aus Ruhm oder Geld? Was lässt sie Trägheit und Zweifel überwinden? Und vor allen Dingen: Braucht es dafür ein besonderes Talent oder kann das jeder lernen?

Ohne inneren Antrieb geht gar nichts

Für die meisten Spitzensportler beginnt früh ein Leben, das von Verzicht und Pflichten geprägt ist. Wer später bei großen Wettkämpfen erfolgreich sein will, muss seinen Sport oftmals mit acht oder neun Jahren beginnen, mehrmals die Woche oder gar am Tag trainieren und am Wochenende weite Strecken im Auto zurücklegen. Bereits dort stellen sich die ersten Weichen, glaubt Ironman-Profi Longrée: „Entscheidend ist, dass die Eltern ihre Kinder unterstützen, ohne sie zu sehr zu drängen. Das muss eine selbst gewählte Entscheidung sein.“ Er selbst habe das Glück gehabt, dass seine Eltern seinen damaligen Sport, das Schwimmen, immer unterstützten, ohne ihm das Training aufzuzwingen.

Auch als er später zum Triathlon und dann zu dessen Steigerungsform Ironman wechselte, sei das seine ganz eigene Entscheidung gewesen. Wenn die Motivation nicht von innen komme, laufe gar nichts. Longrées Beobachtung: Spätestens mit dem Abitur, der ersten Freundin oder dem Studium blieben die, deren Eltern immer nur „gepusht“ hätten, auf der Strecke. Sie fängen an zu schludern, Ausreden zu finden und schieden schließlich ganz aus. „Es braucht einen eigenen Antrieb, eine intrinsische Motivation, sonst hält man das nicht so lange durch“, sagt der Ironman-Sieger.

Ähnliche Erfahrungen hat Thomas Lurz gemacht, einer der erfolgreichsten deutschen Schwimmer aller Zeiten. Nicht weniger als 23 Medaillen holte er bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften, 27-mal wurde er Deutscher Meister. Für Lurz war immer klar, dass er zweimal am Tag trainieren musste, einmal vor und einmal nach der Schule. „Elf Trainingseinheiten in der Woche waren in der Pubertät ganz normal für mich“, sagt er. Doch er vermisste nach eigener Aussage nichts – auch, weil er es nicht anders kannte. So reduzierte sich sein Freundeskreis früh auf andere Sportler, die mit hoher Motivation dabei waren. Im Nachhinein ein großer Gewinn, findet er: „Es ist wichtig, Menschen um dich zu haben, die dich weiterbringen, die dich auch mal durchs Training schleifen, wenn du einen Hänger hast. Nur wenn du mit den Besten der Welt trainierst, wirst du auch besser.“

Umgib dich mit den Richtigen

Diese Aussage, so Lurz, der heute als Coach für Manager arbeitet, lasse sich auch auf Unternehmen münzen. Auch dort müsse das Umfeld stimmen, damit alle ihre optimale Leistung abrufen könnten. Entsprechend wichtig sei es, sich mit Kollegen zu umgeben, die eine ähnliche Motivation und den Willen zum Erfolg hätten. Dasselbe gelte für den eigenen Chef: Bremse der den Vorwärtsgang, störe das die Motivation ehrgeiziger Mitarbeiter und hindere sie daran, im Job weiterzukommen. „Man muss sich das eigene Team ganz genau aussuchen”, sagt der mehrfache Medaillengewinner.

Ein gutes Team und viel Training aber reichten nicht aus, um jahrelang zu den Besten zu gehören oder gar den Spitzenplatz in einer Sportart zu erobern, sagt Markus Czerner. Der Buchautor und Coach stand selbst kurz vor einer Profikarriere im Tennis, als ihn eine Verletzung ausknockte. Heute berät er Manager und Angestellte dahingehend, sich die besten Seiten des Profisports anzuschauen und die Erkenntnisse daraus auf das eigene Leben zu übertragen. Dabei fallen ihm auch immer wieder Fälle auf, bei denen es nach einer guten Zeit zu einem Leistungsabfall kommt.

Zwar lässt sich nicht immer sagen, warum ein bestimmter Sportler seine Leistung zeitweilig nicht mehr abrufen konnte, doch mangelt es nicht an Beispielen aus der Sportwelt: Kevin Großkreutz etwa hatte eine erfolgreiche Karriere in Dortmund, wurde sogar Weltmeister im Fußball – und spielt heute in niedrigen Klassen. Oder Tennisspielerin Angelique Kerber: Sie sei an die Spitze der Tennisrangliste vorgedrungen und habe dann einen Leistungsabfall erlebt, erzählt Czerner. Warum genau, sei unklar geblieben. Eine Möglichkeit: Es habe ihr womöglich ein neues Ziel gefehlt. „So ein Leistungsabfall kommt im normalen Leben natürlich auch vor“, sagt Czerner. Gründe gebe es viele. „Da kommt der Schlendrian rein und dann werden wir faul, wenn uns die Ziele fehlen.“

Foto: Inger Diederich

Was Czerner über alle Lager hinweg und unabhängig von den beiden Fällen beobachtet hat: Die wirkliche Elite ziehe ihre Motivation nahezu nie aus der Tatsache, reich oder berühmt zu sein. „Das wären Ziele, die relativ schnell erreicht sind“, sagt er. „Aber Sportler, die danach streben, verschwinden schnell wieder in der Versenkung.“

Die wirklichen Spitzensportler würden sich daher immer auch durch ihren tiefgründigen Antrieb auszeichnen. Das könne beispielsweise sein, eine Inspiration für andere sein zu wollen und so der Gesellschaft etwas vom eigenen Erfolg zurückzugeben. Ein Ziel aber sei immer dasselbe und dafür stelle die Elite Tages-, Wochen- und Monatspläne auf, die sie akribisch abarbeite: „Jeder Tag steht unter dem Motto, am Abend ein wenig besser zu sein“, sagt Czerner. An einem Tag gehe es um mehr Ausdauer, am zweiten um mehr Präzision und am dritten Tag darum, das Rückhandspiel zu perfektionieren.

Foto: Inger Diederich

Was Czerner über alle Lager hinweg und unabhängig von den beiden Fällen beobachtet hat: Die wirkliche Elite ziehe ihre Motivation nahezu nie aus der Tatsache, reich oder berühmt zu sein. „Das wären Ziele, die relativ schnell erreicht sind“, sagt er. „Aber Sportler, die danach streben, verschwinden schnell wieder in der Versenkung.“

Die wirklichen Spitzensportler würden sich daher immer auch durch ihren tiefgründigen Antrieb auszeichnen. Das könne beispielsweise sein, eine Inspiration für andere sein zu wollen und so der Gesellschaft etwas vom eigenen Erfolg zurückzugeben. Ein Ziel aber sei immer dasselbe und dafür stelle die Elite Tages-, Wochen- und Monatspläne auf, die sie akribisch abarbeite: „Jeder Tag steht unter dem Motto, am Abend ein wenig besser zu sein“, sagt Czerner. An einem Tag gehe es um mehr Ausdauer, am zweiten um mehr Präzision und am dritten Tag darum, das Rückhandspiel zu perfektionieren.

Wie sieht es dort aus, wo ich hinwill?

Dabei helfe es, sich seine eigenen Ziele zu visualisieren: Wie genau sieht es dort aus und welchen Weg muss ich gehen, um dorthin zu gelangen? Diese visuelle Hilfe könne antreiben und motivieren, glaubt Czerner, und sei auch für viele Menschen außerhalb des Sports anwendbar. Wer beispielsweise im Unternehmen ein Projekt plane, solle sich immer vor Augen führen, wie das Ergebnis einmal optisch aussehen werde – und zwar so detailreich wie möglich.

Diese Art der Visualisierung helfe, den Fokus nicht zu verlieren, auch wenn es einmal haarig wird. Ironman Longrée empfiehlt zudem, sich durch Sport einen strukturierten Tagesablauf anzutrainieren. Jeden Tag an sich zu arbeiten oder auch nur zu festen Zeiten zu essen, erfordere Disziplin, die Menschen so am einfachsten lernten, dann aber auch ins Berufsleben übertragen könnten.

Das sei aber nur einer der Schritte auf dem Weg zum eigenen Ziel. Der weitaus wichtigere Faktor ist für Czerner ein anderer: „Erfolg zu haben, bedeutet harte Arbeit und immer auch Verzicht.“ Party machen, Alkohol, rauchen oder am Wochenende einfach mal wegfahren? Das sei alles nicht drin. Für jugendliche Leistungssportler funktioniere dieser Verzicht noch relativ einfach: Weil sie ihn durch die Trainingsroutinen schon früh auch im Alltagsleben verinnerlicht hätten, würden sie es im Zweifelsfall gar nicht anders kennen. Später im Leben werde es immer schwieriger, mit dem Verzichten zu beginnen. Aber zwingend notwendig sei es trotzdem, so der Coach: „Wenn ich es wirklich will, dann kommt mir der Verzicht nicht wie Verzicht vor, sondern wie eine sinnvolle Investition in mein größeres Ziel.“

Schwimm-Champion Lurz sieht das sehr ähnlich und betrachtet Verzicht nicht als Entbehrung oder Mangel: „Ich schaffe Dinge, die andere nicht können, das ist eher ein Gewinn.“ Auch Ironman-Rückkehrer Longrée hat in gesunder Ernährung und viel Training immer eher eine positive Perspektive gesehen. „Ich mache, was ich liebe, ohne einer Gruppe folgen zu müssen. Von Verzicht kann da nicht die Rede sein.“

Was Sportler von Managern unterscheidet

Hartes, diszipliniertes Training über Jahre hinweg hat indes einen Haken: Es gibt keine Erfolgsgarantie. Wohl jeder, der je auf etwas hingesteuert hat, kennt auch das Gefühl, wenn die Arbeit von Wochen, Monaten oder gar Jahren wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Das gehe Sportlern ebenso wie Managern, sagt Coach Czerner und fügt hinzu: „Der Unterschied ist, dass der Sportler die Schuld bei sich selbst sucht.“ Top-Athleten würden sehr hart mit sich ins Gericht gehen, Schwächen analysieren – und schon beim nächsten Training genau daran arbeiten.

In der deutschen Wirtschaft hingegen gebe es bis heute kaum eine Verantwortungskultur. „Alle ducken sich immer weg und keiner will es gewesen sein“, sagt Czerner. Das führe auch dazu, dass kaum ein Manager oder eine Firma aus Fehlern lerne. „Viele wechseln stattdessen einfach Aufgaben und Verantwortlichkeiten, wann immer es einen Rückschlag gibt“, erklärt Longrée, „aber das bringt niemanden weiter.“ Der Athlet, der Manager heute auch in Einzelsitzungen coacht, empfiehlt stattdessen: Wenn trotz eines Rückschlags auch nur eine kleine Hoffnung auf Erfolg bleibe, solle man sich genau darauf weiter konzentrieren. Denn wer an die Spitze wolle, der müsse dafür auch arbeiten.