Von Carolin Seelow

Sinn und Sinnlichkeit – zwei Schlüssel zur Zufriedenheit

Warum der Titel eines Spielfilmklassikers die Zutaten für einen erfüllten Arbeitsalltag und eine motivierte Belegschaft enthält – sogar für Beschäftigte in Großraumbüros, die acht Stunden lang Excel-Tabellen am PC ausfüllen müssen.

Photo by Cameron Ahlvers on Unsplash

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„Der Mensch muss immer Zweck sein und nie Mittel.“

Götz Werner, Gründer von dm

Deutschland 2020:

Diskutiert wird über das bedingungslose Grundeinkommen für alle, über die Abschaffung des Prinzips der „Lohnarbeit“, über Modelle wie „New Work“ zur Neugestaltung des Arbeitsalltags. Hinter jedem dieser Themen stehen die grundlegenden Fragen: Was macht uns bei der Ausübung unseres Berufes langfristig zufrieden? Was motiviert uns jeden Tag? Fragen, die wichtiger sind denn je. Denn immer häufiger machen erschöpfte Arbeitnehmer nur noch „Dienst nach Vorschrift“, erkranken Mitarbeiter psychisch, kündigen frustrierte Beschäftigte innerlich oder sogar formell. Die Burn-out-Diagnose hat sich im vergangenen Jahrzehnt beinahe verdreifacht. Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen nahm seit 1997 bei Frauen um 174 Prozent und bei Männern um 181 Prozent zu.

Welche Konsequenzen sollte die Wirtschaft aus diesen alarmierenden Zahlen ziehen? Was ist der Schlüssel zur langfristigen Mitarbeitermotivation? Und: Welche Berufe üben eigentlich die zufriedensten Arbeitnehmer aus? Zumindest Letzteres ist aus Umfragen ablesbar: Laut dem Meinungsforschungsinstitut YouGov, der Arbeitgeber-Bewertungsplattform kununu und der Jobsuchmaschine Indeed zählen Gärtner und Floristen, Friseure, Klempner, Forscher und Wissenschaftler, aber auch Bauarbeiter zu den glücklichsten Arbeitnehmern. Warum, das gab stellvertretend für all diese Motivierten eine der befragten Gärtnerinnen zu Protokoll: „Ich arbeite in einer Umgebung, die ich mag, und tue etwas Lohnendes und Sinnvolles.“

Auch der Harvard-Professor Howard Gardner fand in einer Befragung von mehr als 1000 US-Amerikanern heraus, dass die glücklichsten Mitarbeiter handwerkliche Berufe ausüben – oder aber Berufe, in denen sie sich regelmäßig mit anderen Menschen austauschen. Doch es gibt noch ganz andere Beispiele, an die man bei Berufszufriedenheit vielleicht nicht gleich denken würde: Fließbandarbeiter etwa, die in der Produktion von Mercedes-Benz in Sindelfingen voller Stolz vorführen, wie sie die Mittelkonsole in die neue S-Klasse einsetzen. Die Frage liegt nahe, wo sich bei all diesen Erfolgsgeschichten der gemeinsame Nenner verbirgt. Auch wenn die genannten Berufsgruppen völlig unterschiedlichen Branchen angehören, gibt es diesen Nenner. Sie alle zeichnen sich durch zweierlei aus: Sinn und Sinnlichkeit.

Gemeint ist mit „Sinn und Sinnlichkeit“ nicht der gleichnamige Spielfilm des Regisseurs Ang Lee aus dem Jahr 1995, der seinerseits auf dem englischen Literaturklassiker „Sense and Sensibility“ basierte. Im Zusammenhang mit Motivation lässt sich der Begriff „Sinn“ vielmehr als Handlungssinn verstehen, als Sinnhaftigkeit. Er beschreibt dann einen erfüllenden, höheren, jedenfalls nicht banalen Zweck einer Handlung oder Tätigkeit. Ein modernes Synonym dafür in der Wirtschaft ist „Purpose“. Von Unternehmen wird erwartet, dass sie eine langfristige Vision haben und unter Beweis stellen, dass sie mit ihrer Tätigkeit zur positiven Entwicklung der Gesellschaft beitragen. Großartige Unternehmen widmen sich dementsprechend auch einem großen, ehrenvollen Purpose.

„Sinnlichkeit“ wiederum bezeichnet das intensive, bewusste Erleben mit allen Sinnen, also Hören, Riechen, Schmecken, Sehen und Tasten. Bedeutungsvoll ist diese sinnliche Stimulation gerade bei der Ausübung monotoner Büroarbeit: Wenn Menschen stundenlang nur mit der linken, also der rationalen Hälfte des Gehirns arbeiten, fehlen Impulse für die rechte, emotionale Seite. Für ein ideenreiches, schnelles und kreatives Arbeiten aber muss diese Gehirnhälfte regelmäßig stimuliert werden. Geschieht das nicht, drohen langfristig negative Auswirkungen auf die Zufriedenheit und innere Ausgeglichenheit der Arbeitnehmer, die ihr Potenzial auf diese Weise nicht ausschöpfen.

Sinn und Sinnlichkeit – nicht einfach nur ein Filmtitel

Sinn zu erkennen und Sinnlichkeit zu erleben, macht Spaß, führt zu Befriedigung. Der Atem wird tiefer und die Muskeln entspannen sich. An dieser Sinnfindung ist der Mensch mit seiner gesamten Existenz – körperlich, geistig und seelisch – beteiligt. Umgekehrt leidet er mit jeder Faser, wenn er erfolglos nach Sinn sucht. Und der eigene Arbeitsplatz sendet dabei zunächst oft widersprüchliche und verwirrende Signale; eine ganze Flut an Reizen brandet auf uns ein. Diese Flut versuchen wir zu ordnen. Wir suchen nach Mustern, um die Komplexität zu reduzieren. Wenn die erkannten Muster als lebensdienlich und nicht lebensfeindlich empfunden werden, erfahren wir sie als Sinn. Echter Sinn wird also von niemandem „gestiftet“, sondern er stellt sich ein, wird spürbar. Der Florist, die Wissenschaftlerin oder der Bauarbeiter aus den Zufriedenheitsumfragen nehmen diesen Sinn ganzheitlich wahr – aber woher kommt er?

Sinnlichkeit bestimmt das Handwerk: Floristen, Friseure, Gärtner, Klempner, Dachdecker und Maurer erleben ihre Arbeit mit allen Sinnen; sie haben den Fortschritt ihrer Arbeit vor Augen und können das Ergebnis wortwörtlich begreifen. Nicht selten ist es auch riech- oder hörbar. Handwerker sind mit ihrer gesamten Existenz dabei, für sie ist Sinn etwas Fassbares. Auch das Gefühl, die Welt ein Stückchen besser zu machen, lässt Sinn entstehen. Bei Wissenschaftlern ist es daher häufig naheliegend, dass sie Sinn erleben: Ihre Erkenntnisse – etwa durch geduldige Forschung an neuen Medikamenten – bringen viele Menschen oder gleich die ganze Menschheit voran.

Verglichen mit Sinn und Sinnlichkeit verblassen Geld, Macht oder Prestige als zentrale Motivationsfaktoren im Arbeitsalltag. Doch in der Welt der Arbeit ist nicht alles edelmütig und altruistisch. In unzähligen Fällen übt jemand seinen Beruf einfach nur deshalb so gut wie möglich aus, weil er sich und seine Familie ernähren muss. Das Gehalt muss als Motivation genügen. Heißt das vielleicht, dass die Suche nach Sinn und Sinnlichkeit in der Arbeitswelt eine Art Luxusproblem oder Wohlstandsphänomen ist? Hier lohnt ein Blick auf die historischen Ursprünge der Sinnsuche.

Photo by Miguel Bruna on Unsplash

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Die lange Tradition der Sinnsuche

Die bekannte „Bedürfnispyramide“ des US-Psychologen Abraham Maslow (1908–1970) scheint die These vom „Luxusproblem Sinnsuche“ zu untermauern. Maslow zufolge muss ein Mensch zunächst seine Grundbedürfnisse wie Essen und Schlafen, Sicherheitsbedürfnisse wie Wohnen, Arbeit und Einkommen sowie soziale Bedürfnisse wie Familie und Partnerschaft befriedigen, bevor er so etwas Abstraktes wie die Sinnfrage angehen kann.

Doch damit steht er im Widerspruch zu den großen Philosophen früherer Zeitalter, die ihr ganzes Leben der Suche nach dem Sinn unserer Existenz gewidmet haben. Immanuel Kant etwa schrieb, der Mensch sei „so sehr in die condition humaine eingebaut, dass wir einfach nicht umhin können, so lange ‚Sinn zu suchen‘, bis wir ihn eben gefunden zu haben glauben.“ Aristoteles wiederum beschrieb einen idealen Lebenszweck, die sogenannte Eudaimonia, die mit höchstem Sinn erfüllt ist: „Wenn wir also nicht alles um eines anderen willen erstreben, dann ist es klar, dass jenes [das wir um seiner selbst willen erstreben] das Gute und das höchste Gut sein muss. Sonst ginge das [dieses Streben] ins Unbegrenzte und […] wäre leer und sinnlos.“

Aristoteles zufolge wollen Menschen also letztlich nicht Ziele erfüllen, die ihnen von anderen aufgenötigt werden – es sei denn, sie könnten darin einen Sinn sehen, mit dem sie sich identifizieren. Auch der österreichische Neurologe und Psychiater Viktor Emil Frankl (1905–1997) widersprach Maslows These von den Grundbedürfnissen, die für den Menschen dringlicher als jede Sinnfrage seien: „Umgekehrt aber, wenn er um keinen Sinn des Lebens weiß, dann pfeift er aufs Leben, auch wenn es ihm äußerlich noch so gut gehen mag, und unter Umständen wirft er es dann weg. Trotz Wohlstand und Überfluss. Die Eskalation der Selbstmordziffern, mit der wir heute konfrontiert werden, beweist uns, dass es trotz materiellen Wohlstands zu einer existenziellen Frustration kommen kann.“ Später räumte Maslow ein, dass Frankl damit recht habe.

1 Ergänzungen durch den Autor sind durch eckige Klammern kenntlich gemacht.

Nach Frankls Meinung galt also nicht die Parole „Primum vivere, deinde philosophari“ (zunächst kommt das Leben, dann erst das Philosophieren). Es müsse vielmehr heißen: „Primum philosophari, deinde mori“ (zunächst kommt das Philosophieren, dann der Tod). Soll heißen: Auf seiner ewigen Suche nach Sinn ist der Mensch leidensfähig und bereit zum Verzicht auf die Befriedigung anderer Grundbedürfnisse. Friedrich Nietzsche hatte dafür schon zuvor eine noch prägnantere Formel gefunden: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“

Wenn das so ist, wird auch klar, warum diejenigen Menschen die zufriedensten sind, die zwar eher nicht viel Geld verdienen, aber einen Sinn in ihrer Arbeit sehen. Wobei es eben einen wichtigen Unterschied macht, ob es um „Sinn“ auf einer höheren Ebene geht oder um den „Zweck“ der bloßen Existenzsicherung. Das lebensnotwendige Einkommen, das vom Arbeitgeber oder in besonderen Fällen vom Sozialstaat sichergestellt wird, kann kein übergeordneter Sinn sein und damit langfristig auch nicht die Quelle der Motivation, die zu Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit führt. Die, so bestätigen auch die zitierten Philosophen, kann nur im „sinnerfüllten Leben“ bestehen.

Sinn: suchen, finden und erleben

Bei manchen Institutionen, die auch Arbeitgeber sind, springt der Sinn geradezu ins Auge: Schulen, Krankenhäuser – die Sinnhaftigkeit dessen, was die Mitarbeiter dort tagtäglich tun, wird selten angezweifelt. Doch was ist mit einer Firma, die Büroklammern herstellt? Was ist mit einem Arbeitgeber, bei dem Mitarbeiter den lieben langen Tag Zahlen in Excel-Listen hin- und herschieben? Nun, selbst in diesen scheinbar trostlosen Fällen lässt sich Sinn entdecken: Der Büroklammerhersteller beispielsweise bedient die Sehnsucht, Ordnung ins Leben zu bringen oder aufrechtzuerhalten. Man muss nur mit genügend Fantasie und Offenheit hinschauen, um diese Verbindung zu erkennen.

Wichtig für das Entstehen von Sinn ist eine starke Vision. Jedes Unternehmen hat im Grunde eine: sein Geschäftsmodell. Und es wird immer Menschen geben, die sich mit genau dieser Vision identifizieren können – solange sie auffindbar bleibt. Denn wie gesagt: Ein solcher Sinn wird nicht gestiftet, sondern gefunden. Er ist schon da, doch um ihn zu erkennen, muss das Arbeitsumfeld auch erlauben, dass man ihm sinnlich begegnet. Geschieht das, werden die Mitarbeiter durch ihre kreativen Anteilnahmen dazu beitragen, dass der Sinn nicht verloren geht.

Es bietet sich also an, als Unternehmen zunächst auf die Suche nach dem eigenen Sinn zu gehen. Das hilft auch aktuellen und potenziellen Mitarbeitern bei ihrer Sinnsuche. Der Prozess kann sehr aufwendig sein, doch er lohnt sich – über das Unternehmen hinaus auch für die Kunden und, je nach Skalierungsgrad, für die Gesellschaft.

Ein großes, sinnstiftendes Potenzial hat auch Wertschätzung – oft mehr als ein überdurchschnittlicher Lohn, kostenloses Obst im Büro oder ein gemeinsames Weihnachtsessen. Wertschätzung bedeutet, die Menschen hinter den Mitarbeitern wahrzunehmen, ihnen zuzuhören und Unterstützung dort zu bieten, wo sie Hilfe benötigen. Das Entwickeln einer wertschätzenden Haltung ist organisationskulturelle Arbeit. Sie kann durch Organisations- und Teamentwicklung, Kommunikationstraining oder Schulungen zur Wahrnehmungs- und Feedbackkultur unterstützt werden.

Photo by Sarah Cervantes on Unsplash

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Sinnlichkeit: erzeugen, erproben und genießen

Für den Gründer und heutigen Aufsichtsrat der Drogeriekette dm, Götz Werner, steigert erlebbare Sinnlichkeit im Berufsalltag die Kreativität, die Motivation und damit auch die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter. In einem Interview mit dem „karriereführer“, einem „Jobmagazin für Hochschulabsolvent*innen“, gab Werner Einblicke in die „dialogische Unternehmenskultur“ bei dm, die unter anderem von Theaterworkshops für die Mitarbeiter geprägt ist. Das Theaterspiel sei ein gutes Mittel zur Persönlichkeitsfindung und Teambildung, so der Unternehmensgründer.

Auch Führungskräfte haben so die Möglichkeit, ihre Talente abseits der alltäglichen Arbeit aufzuspüren. Kunst und Kultur bieten bei dm eine ideale Experimentier- und Spielwiese. Das Kreieren von Collagen oder die Arbeit mit Kupfer oder Ton eröffnen innovative Ideen und neue Sichtweisen. Viele der Mitarbeiter haben wenig Erfahrung mit künstlerischem Handwerk und sind deshalb nach einigen Versuchen von sich selbst überrascht. Verborgene Fähigkeiten zu entdecken, empfinden sie als beglückend und motivierend. Götz Werner abschließend über seine Motive dafür, dem Kreativitätsbedürfnis der Mitarbeiter Raum zu geben: „Wenn es keine Menschen gäbe, gäbe es keine Wirtschaft. Folglich ist die Wirtschaft für den Menschen da und nicht umgekehrt.“

Sinn und Sinnlichkeit – wo beides im Unternehmen zusammenkommt, bestehen beste Chancen, dass die Mitarbeiter abends zufrieden nach Hause gehen, nachdem sie dank gestärkter Leistungsfähigkeit den Erfolg des Unternehmens einen weiteren Arbeitstag lang gesteigert haben. Ein solches Unternehmen kann tatsächlich Großes erreichen.