Von Oliver Driesen

Corona

beschleunigt

den

Umbruch

Im Gespräch mit Axel Sommerlatt, Drägerwerk AG

Axel Sommerlatt (43) ist als Chief Information Officer (CIO) des Dräger-Konzerns verantwortlich für die IT des Lübecker Unternehmens. Während der aktuellen Corona-Pandemie vervielfacht Dräger, als einer der größten Hersteller von Beatmungsgeräten, die Produktion dieser weltweit dringend benötigten Systeme. Derweil sorgt Sommerlatt auch dafür, die in Home-Offices verstreuten Mitarbeiter intelligent zu vernetzen – und das „digitale Rückgrat“ des Konzerns stabil zu halten. Ein fester Büro-Schreibtisch würde allerdings auch ohne diese Ausnahmesituation nicht mehr zu seinem Leben passen.

Herr Sommerlatt, wir sitzen hier an einem von vielen identischen Tischen im Atrium eines hochmodernen Bürogebäudes, nicht weit von der Getränkebar. Warum haben Sie gerade diesen Platz symbolisch für unser „Tischgespräch“ ausgewählt?

Ich habe gar kein eigenes Büro mehr, so gesehen auch keinen festen Schreibtisch – ich wandere zwischen den Bereichen. Ich nutze das, um mit in- wie externen Kunden und mit meinen Mitarbeitern Gespräche zu führen. Auch, um neue Perspektiven einzunehmen. Wenn man in der Nähe eines zufällig ausgewählten Tisches wie diesem dann noch die Möglichkeit hat, sich ein Kalt- oder Heißgetränk zu holen, umso besser!

Sie brauchen also nichts weiter als Ihr Notebook in Griffweite und keinen Stauraum mehr für persönliche Gegenstände?

Notebook, Mobiltelefon, Headset – das sind meine Arbeitsmittel! Damit komme ich auch erstaunlich gut zurecht und bin nahezu autark. Alles andere ist Ballast für mich. Das zu erleben, ist in Zeiten wie diesen spannend und herausfordernd, aber auch befreiend. Durch die ständige Bewegung komme ich täglich auf meine zehntausend Schritte, wie mir ein Blick auf die App verrät. Ich muss allerdings gestehen: Meine Familie und unser Hund, die mich abends zu Hause erwarten, tragen auch dazu bei.

Was hat Ihr flexibles Wechseln zwischen Arbeitstischen mit der zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaft zu tun?

Es bietet mir die Möglichkeit, offen auf meine Umgebung zuzugehen. Hier im Unternehmen haben ja viele noch feste Büros, und dort besuche ich sie dann auch. So komme ich gar nicht in die Verlegenheit, meinen internen Kunden das Gefühl zu geben, sie müssten auf mich zukommen. Und natürlich gehe ich auch zu externen Kunden und Lieferanten, um mir etwa Lösungen für eine weiterführende digitale Anbindung des Unternehmens anzusehen.

Neben begeisterten „Digital Natives“ wie Ihnen gibt es bestimmt auch „Digitalmuffel“. Finden die überhaupt noch eine Heimat?

Heute sind es vermutlich weniger als 25 Prozent der Belegschaft, die in normalen Zeiten so ungebunden arbeiten wie ich. Insofern ist das Thema „Heimatgefühl“ nach wie vor wichtig. Das Tempo bei der Digitalisierung geben die „Digital Natives“ vor. Aufgabe der Führungskräfte ist es nun, dafür zu sorgen, dass die „jungen Wilden“ das Tempo nicht überdrehen. Wir müssen ihnen also einerseits erlauben, die Organisation voranzubringen, aber gleichzeitig mindestens genauso viel Energie darauf verwenden, alle anderen mitzunehmen. Das müssen alle Beteiligten lernen, und das geht am besten im Dialog.

Wie hilft man Mitarbeitern, die durch eine zunehmende Digitalisierung über zu wenig persönliche Nähe und Austausch klagen?

Hier gibt es – gerade in der aktuellen Situation – eine konkrete Fürsorgepflicht der Führungskräfte. Sie müssen sich ihren Mitarbeitern als Bezugsperson anbieten! Also aktiv nachhorchen bei den Kollegen, die man derzeit vor allem virtuell erlebt: „Wie geht es Ihnen damit?“ Nicht nur als Floskel, sondern wirklich ernst gemeint. Diese Fürsorge ist wichtig und durchaus möglich. Klar, sie nimmt Zeit in Anspruch – doch es geht. Außerdem schaffen wir über Kollaborationstools so etwas wie „virtuelle Kaffeeküchen“, in denen man sich treffen und austauschen kann. Zudem gibt es bei Dräger eine Gruppe von Pionieren in Richtung „New Work“, die neulich zwischen 20 und 22 Uhr ein virtuelles Barcamp veranstaltet hat. Daran habe ich auch teilgenommen und festgestellt, dass sogar über eine Webcam ein Gemeinschaftsgefühl entstehen kann. Unser Zuhause ist während der Pandemie zu einem Raum geworden, in dem wir neuen Herausforderungen begegnen müssen.

In Zeiten von Corona wurden überall in der deutschen Wirtschaft große Teile der Geschäftstätigkeit abrupt ins Home-Office und Internet verlagert. Laufen die Datenströme bei Dräger stabil?

Glücklicherweise haben wir sehr engagierte und strategisch denkende IT-Kolleginnen und Kollegen. Wir hatten die entsprechenden Konzepte bereits in der Schublade, samt der Tools und Systeme. So konnten wir die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur relativ schnell hochfahren. Derzeit arbeiten bis zu 90 Prozent unserer Büroangestellten weltweit mobil. Viele persönliche Gespräche erfolgen nun virtuell. Meiner Erfahrung nach hat diese Umstellung nahezu nahtlos funktioniert.

Dräger, als einer der größten Hersteller von Beatmungsgeräten, steht derzeit vor noch nie dagewesenen Kapazitätsausweitungen, um die weltweite Nachfrage so weit wie möglich bedienen zu können. Wäre das ohne eine massive Digitalisierung überhaupt zu schaffen?

Nein, sie ist sogar zwingend notwendig! Und ich bin sehr froh, dass wir die Weichen hierfür schon frühzeitig gestellt haben, um die jetzt benötigte Skalierbarkeit überhaupt ermöglichen zu können. Da kommt es auf eine enge Verzahnung zwischen Produktionsmethodik und IT-seitiger Unterstützung an. Mit Eröffnung der „Zukunftsfabrik“, also der neuen Produktionsbereiche in der Revalstraße, wurde dies schon Anfang 2017 sichergestellt. Dort nutzen wir moderne Methoden aus dem Bereich „Lean Production“ und „Lean Logistic“, etwa zur teilautomatisierten Bereitstellung von Bauteilen und Komponenten. Dahinter steht ein leistungsfähiges ERP-System (Enterprise Resource Planning). Analog ließen sich derart komplexe Prozesse gar nicht mehr abbilden, da würde sonst jegliche Transparenz verlorengehen.

Wie findet man den richtigen Zeitpunkt für den konzernweiten Rollout digitaler Neuerungen?

Wir haben einen großen Bedarf an virtuellen Kollaborationsplattformen. Und obwohl uns diese Plattformen künftig helfen, muss die gesamte Organisation zunächst einmal darauf vorbereitet werden. Ursprünglich hatten wir die Idee, das Ganze nach und nach im Laufe dieses Jahres einzuführen. Aber dann kam die Corona-Pandemie, und als die Mitarbeiter ins Home-Office gingen, haben wir die Plattformen innerhalb einer Woche in Betrieb genommen. Man kann sagen: Wir haben die Gunst der Stunde genutzt. Doch das ging nur, weil das Konzept bereits stand. Wenn so etwas dann – von jetzt auf gleich – nicht 100-prozentig perfekt läuft, reichen zunächst 80 Prozent. Ich bin mir aber sicher, dass das so entstandene Momentum unser Unternehmen nachhaltig verändern wird.

Was heißt das konkret?

Ich glaube, dass wir dadurch einen großen Sprung machen werden. Viele, die vorher eine Scheu vor dem mobilen Arbeiten hatten, stellen jetzt fest: Es ist anders, es hat Vor- und Nachteile, aber es fühlt sich zunehmend normal an. Deshalb denke ich nicht, dass wir nach Corona auf einen Status zurückfallen, wie er vor dem Virus herrschte. Corona beschleunigt den Umbruch. Und die Mitarbeiter werden in Zukunft flexibler sein, weil sie jetzt erfahren, dass vieles auch befreiend sein kann. Unsere Systeme sind dafür heute schon ausgelegt. Dabei hat auch die enge Zusammenarbeit mit den Bereichen Communications und Human Resources sowie dem Betriebsrat geholfen. So konnten wir die IT-Konzepte zur Förderung des Home-Office jetzt realisieren und sogar um mehrere Quartale vorziehen.

Zum Schluss ein Blick auf Ihren privaten Alltag: Wie ausgeprägt ist die Digitalisierung dort auf einer Skala von 0 bis 10?

Privat würde ich mir eine 7 geben. Was das Digitale betrifft, bin ich im Büro sicher innovativer als zu Hause. Ich mag auch die analoge Welt. Unsere Kinder sind neun und zwölf Jahre alt, auch der Vierbeiner hält mich auf Trab. Meine Frau und Tochter sind im Reitsport aktiv, da darf ich dann auch mal den Stall mit ausmisten.

Herr Sommerlatt, vielen Dank für das Gespräch.