Von Nadine Jacobi

Good Governance

Benimmregeln für Mächtige

Regeln sind notwendig, das lernen wir schon in der Kindheit.Später sind es dann Gesetze, die uns als Individuenvor schwerwiegenderen Konflikten bewahren – wenn wir sie denn befolgen.

Gravierend sind die Konsequenzen, wenn ganze Regierungen glauben, sie würden für verantwortungsloses Handeln nicht zur Rechenschaft gezogen. Das fiel den Politik- und  Wirtschaftswissenschaftlern in den Achtzigerjahren auf: Damals versickerten Entwicklungshilfegelder der Industrienationen in einigen Staaten der afrikanischen Subsahara-Zone schneller als ein Tropfen Wasser im heißen Wüstensand. Das Problem einer verantwortungslosen Politik erhielt einen Namen: schlechte Regierungsführung, neudeutsch „Bad Governance“. Die Weltbank forderte daher von den ertappten Staaten die Einhaltung einer „Good Governance“. Deren konkrete Ausgestaltung blieb leider zunächst im Ungefähren. Es reichte nur zur Forderung, bestimmte Verhaltensnormen zu befolgen, statt der, konkrete Gesetze einzuführen.

Photo © Matthew Henry on Unsplash

Was mit Blick auf nationale Regierungen begann, ist längst in die Welt der Wirtschaft hinübergeschwappt. Schließlich zeigt ein Ranking der 100 größten Wirtschaftseinheiten der Welt , aufgestellt im Jahr 2016 von der britischen Organisation Global Justice Now, dass in dieser Liga heutzutage nur 31 Volkswirtschaften mitspielen – aber 69 private Unternehmen. Bereits auf Platz 10 der auf dieser Liste identifizierten 100 größten Wirtschaftseinheiten findet sich der US-Handelskonzern Walmart, Volkswagen ist stärker als die Volkswirtschaften von Indien oder Russland, Daimler immerhin noch finanzkräftiger als beispielweise Dänemark. Diese wirtschaftliche Macht in der Hand von Investoren sollte mittels Good-Governance-Vorgaben zumindest eingedämmt werden.

Photo © Matthew Henry on Unsplash

Was mit Blick auf nationale Regierungen begann, ist längst in die Welt der Wirtschaft hinübergeschwappt. Schließlich zeigt ein Ranking der 100 größten Wirtschaftseinheiten der Welt, aufgestellt im Jahr 2016 von der britischen Organisation Global Justice Now, dass in dieser Liga heutzutage nur 31 Volkswirtschaften mitspielen – aber 69 private Unternehmen. Bereits auf Platz 10 der auf dieser Liste identifizierten 100 größten Wirtschaftseinheiten findet sich der US-Handelskonzern Walmart, Volkswagen ist stärker als die Volkswirtschaften von Indien oder Russland, Daimler immerhin noch finanzkräftiger als beispielweise Dänemark. Diese wirtschaftliche Macht in der Hand von Investoren sollte mittels Good-Governance-Vorgaben zumindest eingedämmt werden.

Zumindest in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien geschieht das heute immerhin mit detailliert formulierten Anforderungen an börsennotierte Unternehmen. In Deutschland gibt der „Corporate Governance Kodex“ Empfehlungen und Anregungen für die Führung börsennotierter Unternehmen. Klare gesetzliche Vorgaben zur Einrichtung einer Compliance-Organisation jedoch finden sich bisher nur in regulierten Sektoren wie der Finanzwirtschaft.

In Deutschland gibt der „Corporate Governance Kodex“ Empfehlungen für die Führung börsennotierter Unternehmen

Erst im Jahr 2020 hat das Bundesjustizministerium einen neuen Weg eingeschlagen und einen Referentenentwurf zur Konsultation für ein verbindliches Gesetz zur Bekämpfung der Unternehmenskriminalität vorgelegt – das sogenannte „Gesetz zur Stärkung der Integrität in der Wirtschaft“. Dieses Gesetz soll Unternehmen aller Branchen künftig für Straftaten individueller Mitarbeiter haftbar machen. Bei einem Umsatz ab 100 Millionen Euro kann die Sanktion zehn Prozent des gruppenweiten Jahresumsatzes betragen – und damit sogar existenzbedrohend sein. Anders sieht es aus, wenn das Unternehmen nachweislich Good Governance praktiziert hat, beispielsweise durch die Einführung von Maßnahmen zur Einhaltung der Regeln („Compliance“). Dann kann die Höhe der Geldstrafe um die Hälfte reduziert werden oder es bleibt gar bei einer Verwarnung. Es zeichnet sich ab, dass das Gesetz noch 2020 verabschiedet werden wird.

Einige Manager tun sich mit Good Governance noch immer schwer, vor allem mit dem Thema Compliance. Sie denken wehmütig an die Zeit vor 2002 zurück, als deutsche Finanzämter Bakschisch, Fakelaki und andere „Schmiermittel“ noch nicht als Korruption ansahen, sondern als „notwendige Betriebsausgaben“ steuermindernd anerkannten. Und noch immer werden die Hüterinnen und Hüter der betriebsinternen Good Governance, die sogenannten Compliance Officer, bisweilen diskret um Zurückhaltung gebeten. Dann nämlich, wenn durch ihr Pochen auf Einhaltung der eigenen Verhaltensnormen saftige Aufträge in Gefahr geraten. Die Konkurrenz, so heißt es als vermeintliche Rechtfertigung dann gern, sei da nicht so zimperlich.

Eine wichtige Orientierung für die eigenen Mitarbeiter

Dabei ist Good Governance für ein Unternehmen kein ebenso lästiges wie unvermeidliches Übel. Das Instrumentarium der Tugendwächter bewahrt nicht nur Manager vor Haftstrafen und das Unternehmen vor Geldbußen in Millionenhöhe. Vielmehr kann Good Governance positiv und transparent beschreiben, für welche Werte ein Unternehmen stehen will. Wird dies verständlich kommuniziert, bieten die Verhaltensnormen eine wichtige Orientierung für die eigenen Mitarbeiter – und für zukünftige „High Potentials“. Denn insbesondere junge Talente geben bei Umfragen häufig an, dass sie bei ihrem Wunscharbeitgeber stark darauf achten, wofür das Unternehmen steht.
Zum hohlen Buzzword verkommt Good Governance nur dann, wenn die Verhaltensnormen zwar vom Management postuliert, aber nicht vorgelebt werden. Dann bleibt vom Regelwerk der Verantwortlichkeit nur ein Papiertiger übrig, über den bestenfalls geschmunzelt, im schlimmeren Fall geflucht wird. Taugt das Top- und Middle-Management nicht als Vorbild für beispielsweise Zehntausende von Mitarbeitern, führen alle Schulungen, Handbücher und Berichte an den Vorstand zu keinen Verbesserungen. Dann bleibt es bei der zweifelhaften und eigentlich längst überholten Vorgabe: Der Zweck heiligt die Mittel, soweit diese denn Umsatz und Gewinn beflügeln.

Zum Glück findet diese Maxime immer seltener Akzeptanz. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Druck, ethisch und moralisch korrekt zu agieren, ist gestiegen – auch dank der Me-too-Debatte, schlagzeilenträchtigen Steuer- und Korruptionsskandalen (z. B. Cum-Ex, FIFA, Bilfinger) oder spektakulären Fällen wie dem Abgasskandal bei VW. Inzwischen ist die öffentliche Wachsamkeit so hoch, dass sich Unternehmen lieber so verhalten, wie es schon die Kaufleute in Italien und in der Hanse im 12. Jahrhundert vorgelebt haben: Sie prägten den Begriff des „ehrbaren Kaufmanns“. Er steht für ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem eigenen Unternehmen, der Gesellschaft und heutzutage auch der Umwelt.

Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Druck ist gestiegen

Ein ehrbarer Kaufmann stützt heute wie damals sein Verhalten auf Tugenden, die den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg zum Ziel haben, ohne den Interessen der Allgemeinheit entgegenzustehen. Er praktizierte schon Good Governance, als es das Buzzword noch lange nicht gab.