Von Carolin Seelow

Der Vernunftbegriff in der Philosophie:

Epikur

Wer an Epikur (341–270 v. Chr.) denkt, assoziiert ihn vermutlich als erstes mit dem Begriff der Lust. Denn seine Lehre der Ethik richtet sich im Fokus auf die Vergrößerung von Lust bzw. Lebensfreude – und zwar maßgeblich durch den Genuss eines jeden Augenblicks. Vielleicht könnte man Epikurs Lehre daher auch kurz mit dem lateinischen „carpe diem“ zusammenfassen. Aber: Nicht nur Lust und Lebensfreude sind in Epikurs Lehre wichtige Begriffe. Auch der Vernunft kommt große Bedeutung zu. Für ihn ist sie Ausdruck von Kontrolle eines Menschen über sich selbst.

Wir erlangen Lust, Seelenheil und Lebensfreude

Als Kleinkinder streben wir fast ausschließlich danach, unsere zentralen, lebensnotwenigen Bedürfnisse wie Durst oder Hunger zu befriedigen. Das allein motiviert uns. Ergebnis: Wir werden satt, oder wie Epikur sagen würde, wir erlangen Lust, Seelenheil und Lebensfreude. Im Laufe unserer Entwicklung kommen unweigerlich weitere Bedürfnisse und Motive hinzu, die uns umtreiben. Der eine oder andere wird sich an dieser Stelle auch an den Psychologen Abraham Maslow (1908–1970) erinnern: Er entwickelte in unserer Zeit – ähnlich wie Epikur – eine Pyramide, die menschliche Bedürfnisse und Motive zu strukturieren suchte.

Hinsichtlich der unterschiedlichen Bedürfnisse, die wir als Menschen haben, ist es nach Epikur die Vernunft, die uns dazu befähigt, abzuwägen und richtige Entscheidungen zu treffen. Die Fähigkeit zur Vernunft wird dem antiken Philosophen zufolge im Heranwachsen ausgebildet. Wir lernen unsere Bedürfnisbefriedigung in stetere Bahnen zu lenken und besser einzuschätzen, was zur Erreichung unseres Seelenheils wirklich notwendig ist.

Dass Epikur einem vernunftgesteuerten Handeln hohen Stellenwert beimisst, lässt sich an einer interessanten Gegenüberstellung ablesen: Wer rational an eine Aufgabe herangeht und dabei scheitert, ist in Epikurs Augen weiser als jemand, der planlos oder unvernünftig agiert, aber damit zufällig Erfolg hat. Oder, in seinen eigenen Worten:

„Schöner ist es, wenn beim Handeln der rechte Entschluss nicht zur rechten Erfüllung kommt, als wenn ein unrechter Entschluss durch den Zufall zu rechter Erfüllung gelangt.“