Von Jan Lauer

Authentizität

#nofilterneeded

Photo by Erik Mclean on Unsplash

22,74 Millionen Beiträge

So viele Instagram-Posts sind derzeit mit dem Hashtag #nofilterneeded versehen. Die Impressionen zeigen malerische Landschaften, lachende Menschen- und Tierbabys oder – in den meisten Fällen – Selfies.

 

8,63 Millionen Abonnenten

Die Anti-Influencerin Emma Chamberlain, vom Magazin Marie Claire als Antidot zur inszenierten und polierten Influencer-Kultur bezeichnet, vereint diese stattliche Zahl an Abonnenten auf YouTube hinter sich. Sie präsentiert sich meist ohne Make-up, manchmal rülpsend, mit ihren Freundinnen und in ganz alltäglichen Situationen.

Der Verzicht auf Filter und der Blick hinter die Kulissen scheint demnach im Trend zu sein. Nicht ohne Grund geht Atze Schröder mit seinem neuen Programm „Echte Gefühle“ auf Tournee. Angesagt ist, wer sich authentisch präsentiert – also einfach so, wie man ist.

Ganz so einfach ist es jedoch nicht. In den Neunzigerjahren näherte sich der Mitbegründer des Magazins WIRED Kevin Kelly der Frage an, was eine Person ohne ablenkende Umweltreize ausmacht. Er setzte ein dem Chamäleon ähnliches Reptil in ein selbstgebautes Spiegelkabinett und beobachtete die Reaktionen der Echse auf das eigene Spiegelbild. Das Tier wechselte von Dunkelbraun zu jenem grünen Farbton, den es normalerweise in Schrecksituationen annimmt. Kelly folgerte, dass sich das Tier in einem anhaltenden Angstzustand vor der eigenen Fremdheit befindet.

Sicherlich gibt es viele Menschen, die sich mit diesem Unwohlsein identifizieren können, sich nicht im eigenen Denken, Fühlen und Handeln zu erkennen. Was bleibt von uns in einer Umgebung ohne Kontext, ohne Vergleich? Wir Menschen sind es als soziale Wesen gewohnt, uns ständig zur Schau zu stellen. Wir präsentieren uns als strategisch denkend im Büro, als locker-lässig im Kreis der Freunde und als liebevoller Partner in den eigenen vier Wänden. Wir leben im ständigen Wandel zwischen verschiedenen Aspekten unserer Persönlichkeit.

Diese Pluralität wird vom Kommunikationsforscher Schulz von Thun als Inneres Team bezeichnet. Seine Mitglieder unterscheiden sich auf vielfältige Weise – manche sind laut, manche leise, andere selbstlos oder egoistisch. Nach von Thun hilft uns das Wissen über die verschiedenen Teammitglieder und eine gedankliche Aussprache zwischen ihnen in schwierigen Entscheidungssituationen. So kann es sein, dass das meckernde Teammitglied als Reaktion auf ein neues Jobangebot alles anführt, was gerade schlecht im alten Job läuft, während das lösungsorientierte Mitglied vielmehr die mögliche Verbesserung der Situation sieht. Die Synthese dieser eigenen, aber verschiedenen Blickwinkel legen nach von Thun die Grundlage für einen authentische Kommunikation mit der Umwelt.

Die Kenntnis über unser Selbst hilft also, authentischer und damit echter zu sein. Wie wir nun das authentische Selbst identifizieren und danach handeln können, zeigen die beiden Sozialpsychologen Michael Kernis und Brian Goldman.

Sie definieren vier Kriterien, die der Authentizität zugrunde liegen:

1. Bewusstsein:

Ein authentischer Mensch ist sich darüber bewusst, wer er ist. Über Selbstreflexion lernt er sich selbst, seine Stärken und Schwächen, Gefühle und Motive kennen.

2. Ehrlichkeit:

Ein authentischer Mensch ist sich selbst gegenüber ehrlich und unvoreingenommen; er schaut der Realität – seiner Realität – ins Auge.

3. Konsequenz:

Ein authentischer Mensch handelt beharrlich nach seinen Werten, Vorlieben und Bedürfnissen.

4. Aufrichtigkeit:

Ein authentischer Mensch kommuniziert offen gegenüber anderen, was ihn ausmacht und wofür er steht.

Gar keine so leichte Aufgabe. Studien zeigen jedoch, dass es sich lohnt, wenn wir uns auf diese mentale Reise begeben. Authentische Menschen sollen zufriedener in Beziehungen sein, weniger Angst- oder depressive Symptome aufweisen und verstärkt gesunde Bewältigungsmechanismen zeigen.

Es ist also gesund, authentisch zu sein. Egal ob es sich dabei um einen Trend oder eine neue Denkweise handelt: Zu erahnen, wer man ist, hilft sicherlich der eigenen Entfaltung.