Von Janett Schwerdtfeger, Daria Stratmann und Oliver Driesen
Die Vernunft
nicht von
siegt

selbst

Die Vernunft
siegt
nicht von
selbst
IST ES VERNÜNFTIG, im Alltag und in der Arbeitswelt auf die Vernunft zu setzen? Im Prinzip ja, sagt Michael Hampe. Der aus Hannover stammende Professor für Philosophie lehrt seit 2003 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte er das Buch „Die dritte Aufklärung“, ein Plädoyer für die Rückkehr zur kreativen Kraft des Rationalen. Die Basis dafür sieht er in einem Bildungsoffensive, die Illusionen und Ängsten entgegenwirkt.

Wir sprachen mit Hampe in Zürich.

Herr Hampe, in Ihrem Buch „Die dritte Aufklärung“ bezeichnen Sie es als Illusion anzunehmen, dass sich das Prinzip der Vernunft langfristig von selbst durchsetzt. Muss der Mensch also der Vernunft auf die Sprünge helfen?

Im 17. und 18. Jahrhundert glaubte man, dass es neben den Gesetzmäßigkeiten, die die Kräfte der Natur betreffen – etwa die Gravitation – auch so etwas wie Gesetzmäßigkeiten der sozialen Welt gibt. In diesem Zusammenhang nahm man an, es gäbe eine Entwicklungstendenz in der Menschheit hin zu immer mehr Vernunft und Freiheit. Für das politische Handeln war dieser Glaube aber eher ein Gift, denn er bedeutete, dass man der Vernunft politisch gar nicht zum Durchbruch verhelfen muss, weil sie sich ja von selbst durchsetzen wird.

Die Marxisten etwa glaubten, dass eine Revolution als Übergang zu einer gerechteren Gesellschaft unausweichlich ist, sobald sich die Klassengegensätze genügend verschärft haben. Auch in der Wirtschaftswissenschaft gibt es bis heute ähnliche Glaubensgesetze. Bei der Marktentwicklung beschreibt beispielsweise eine Kurve, wie sich Märkte in der Zukunft vermeintlich notwendigerweise entwickeln. Aber wann immer sich Sozialwissenschaften in diesem Sinne für „objektiv“ halten, verlieren sie ihre politische Relevanz. Wenn man von Vernunft geleitete Strukturen will, dann darf man nicht daran glauben, dass sie sich von selbst durchsetzen werden.

Kann die digitale Revolution der menschlichen Vernunft gefährlich werden?

Die digitale Revolution besteht derzeit darin, dass Algorithmen von selbst lernen zu lesen, zu sehen, sich im Raum zu orientieren – auf eine Weise, die weit darüber hinaus geht, was heute etwa Autopiloten in Flugzeugen können. Dadurch entstehen in Computern Fähigkeiten, bestimmte kognitive und perzeptive Aufgaben besser zu erfüllen als Menschen. Die autonomen, maschinellen Intelligenzen nehmen dabei Entwicklungspfade, die Menschen nicht mehr nachvollziehen können und die zu Problemlösungen führen, auf die Menschen nie gekommen wären.

Künstliche Intelligenzen ersetzen damit nicht mehr nur mühsame, monotone Arbeiten. Sie werden vielmehr auch eine vermeintlich typisch menschliche, kreative Einsichtsfähigkeit entwickeln. Und das verletzt Menschen, weil sie sich selbst über diese Einsichtsfähigkeit definieren. Wenn menschliche Ärzte nicht so gute Diagnosen erstellen wie künstliche Intelligenzen, oder wenn Journalisten einen Datenstrom weniger gut zu einer Nachricht verarbeiten als eine Software, dann fühlen wir uns gedemütigt und in unserer Eitelkeit gekränkt.

Vernunft beruht auf der Mündigkeit, Informationen zu bewerten. Wir leben aber in unseren individuellen „Informationsblasen“: Bei Facebook etwa wählen geheime Algorithmen selektiv die Informationen aus, die uns gezeigt werden. Wie sollen wir da aufgeklärte Entscheidungen treffen?

Die Aufklärung wollte zwei Dinge abschaffen: Grausamkeiten und Illusionen. Im Fall der Grausamkeiten muss man das nicht weiter begründen. Illusionen können kurzfristig gut sein, um von der nicht immer angenehmen Realität eine Pause zu nehmen. Aber die Gefahr eines illusionsgeleiteten Denkens besteht in einem Handeln, das in Katastrophen führt. Die totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts etwa bewirkten die Katastrophen des ersten und zweiten Weltkriegs und die mit ihnen verbundenen Völkermorde, die auf illusionäre Rassenideologien zurückgingen. Die aufgeklärte Wissenschaft ersetzt Illusionen durch Hypothesen. Diese kann man testen und sein weiteres Handeln danach ausrichten, wie wahrscheinlich es ist, dass sie zutreffen.

In der Öffentlichkeit herrscht oft die Vorstellung: „Wissenschaftler haben auch nur Hypothesen und keine absoluten Gewissheiten. Also gibt es so etwas wie Wahrheit gar nicht.“ Daraus schließen manche irrtümlicherweise, dass man sich ebenso gut an Illusionen klammern kann. Aber das stimmt nicht: Man muss sich an dem orientieren, was mit der größten Wahrscheinlichkeit wahr ist und nicht an dem, was einem persönlich am liebsten wäre. Da es also absolute Gewissheiten wie 2+2=4 nur selten gibt und diese zudem meist nicht sehr relevant sind, sind wahrscheinlichste Wahrheiten die beste Lebensorientierung. Wer sich ständig in bestimmten Informationsblasen bewegt, wo nur das auftaucht, was ihm am besten passt, der wird das eigene Handeln nicht kritisch korrigieren. Leider lassen sich Kollektive durch eine entsprechende Informationspolitik eine ganze Zeitlang unter dem Einfluss von Illusionen halten. Und das ist extrem riskant.

Wie lässt sich hier am besten gegensteuern?

Wir brauchen Mechanismen, die nachprüfbare von ungesicherten Informationen unterscheiden, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken. Dieses Bedürfnis bestand ganz ähnlich schon bei der Einführung des Buchdrucks: Bevor Verlage aufkamen, bei denen Lektoren oder Redakteure Informationen vor Veröffentlichung prüften, erschienen Pamphlete mit den wildesten Behauptungen, sodass vielen Leuten die Haare zu Berge standen. Die einen riefen: „Das muss aufhören, dass solche Schnapsideen massenhaft verbreitet werden!“ Die Publizisten aber entgegneten sofort: „Das ist Zensur!“ Es dauerte dann 150 bis 200 Jahre, bis sich innerhalb der Printmedien eine Struktur mit Zeitungen und Buchverlagen herausgebildet hatte, die Informationen filterten. Danach konnte man unterscheiden: Wenn etwas in diesem Verlag und in jener Zeitung erscheint, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es stimmt. Bei anderen Quellen ist es wahrscheinlicher, dass sie einem etwas vorgaukeln.

Im Internet gibt es solche Mechanismen bislang nicht. Wieder heißt es: „Wenn reguliert wird, ist das Zensur und die Meinungsfreiheit wird eingeschränkt!“ Das ist in gewisser Weise richtig. Aber es wäre ein merkwürdiges Verständnis von Meinungsfreiheit, wenn diese auch die bewusste Verbreitung von Lügen einschlösse. Das wäre eine Freiheit, durch die andere geschädigt werden können. Genau darum schränken wir ja auch andere individuelle Freiheiten ein, wenn dies zum Wohle der Allgemeinheit ist. So zum Beispiel die Bewegungsfreiheit von Leuten, die auf öffentlichen Plätzen mit scharfen Messern herumfuchteln wollen. Es müssen sich also Selektionsmechanismen entwickeln, die einem die Abschätzung erlauben, mit welcher Wahrscheinlichkeit etwas eine getestete Behauptung ist, die auf Information abzielt und keine Lüge oder Spekulation, die der Wichtigtuerei und Geschäftemacherei über Klicks dient. Ob wir allerdings ¬angesichts des massiven Einflusses von Social Media auf unsere Demokratien wieder 100 Jahre Zeit haben zu warten, bis sich eine solche Filterstruktur von selbst entwickelt hat, ist schwer zu sagen. Wir dürfen nur nicht glauben, dass sich diese Mechanismen im Internet schon deshalb von selbst ausbilden werden, weil das zuvor auch in der Welt der Printmedien geschehen ist. Denn wenn das nicht oder zu langsam passiert, können wir zwischenzeitlich politische Institutionen wie demokratische Regierungen oder das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit verlieren, die unser freiheitliches gesellschaftliches Leben schützen.

Die Wirtschaft, scheint es, läuft derzeit wie in einem Hamsterrad irgendwelchen Trends und scheinbaren Notwendigkeiten hinterher. Niemand hält inne und schaut mal von außen auf das Ganze. Wäre das nicht vernünftiger?

Es gab immer schon zwei Spielarten der Vernunft. Zum einen die instrumentelle Vernunft, die Zweckrationalität, die nicht darüber nachdenkt, welches Ziel man im Leben hat, sondern nur darauf achtet, wie man ein vorgegebenes Ziel erreichen kann. Zum anderen eine Vernunft, die ganz grundsätzlich die Frage danach stellt, wie man eigentlich leben möchte. Diese zweite Art von Vernunft ist immer dann gefragt, wenn eine große kulturelle Verunsicherung herrscht. Ist man aber, wie in den herrschenden Verhältnissen, so stark eingespannt, dass man gar keine Zeit mehr hat, darüber nachzudenken, was man eigentlich will, muss man unbedingt raus aus dem Hamsterrad.

Erst so gewinnt man die notwendige Reflexionsfähigkeit zurück, um seine Ziele zu ändern. So ist das Ziel den Reichtum einer Gesellschaft immer mehr zu steigern ab jenem Punkt nicht mehr vernünftig, wo die Wohlstandssteigerung nicht mehr die Lebensqualität der Mehrheit der Menschen verbessert. Wenn wachsender Wohlstand auf eine sozial und ökologisch unverträgliche Weise erwirtschaftet wird, verschlechtert er sogar die Lebensqualität der Mehrheit der Bevölkerung und wird damit sinnlos oder gar sinnwidrig. Und sinnlos oder sinnwidrig zu handeln, ist unvernünftig. Also müssen wir schauen, wie wir den notwendigen Abstand erzeugen, um dieses Ziel infrage zu stellen. Es ist möglich, das zu erkennen. Man braucht nur den Abstand.

Was hilft gegen solche Angstmacher?

Das hängt am Bildungsprozess. Er muss selbstbewusste Menschen hervorbringen, die miteinander reden und gemeinsam nachdenken und experimentieren können, bevor sie sich in Konkurrenz zueinander positionieren. Verängstigte Menschen, die sich nicht miteinander austauschen, erschaffen keine Gesellschaft, die von Vernunft geleitet wird. Es ist kein Automatismus, dass die Vernunft siegt. Und es ist anstrengend und zeitraubend, sich langsam zu einer kreativen und vernünftigen Gemeinschaft zu entwickeln.

Aber an dieser Stelle kommt die Angst, sich den Freiraum zu nehmen. Das würde ja allen anerkannten Regeln widersprechen, denn Unternehmen verfolgen meist monetäre Ziele. Es mangelt am Bewusstsein, dass man Ziele auch ändern kann. Vielen scheint es sogar undenkbar, die Verhältnisse überhaupt aktiv zu beeinflussen.

Dieses Gefühl, keinen Gestaltungsspielraum zu haben, entsteht aus der Angst, nicht aus der Konkurrenzsituation ausbrechen zu können. Es erfordert Mut zu sagen: „Dieser Situation entziehe ich mich jetzt bewusst. Das mache ich nicht mehr mit.“ Wenn das allgemeine Konkurrenzdenken, das inzwischen ideologische Züge angenommen hat, nicht durchbrochen wird, fährt das ganze freiheitliche Gesellschaftssystem gegen die Wand. Alle wissen, dass es ökologisch und sozial so nicht weitergehen kann, auch in der Wirtschaft. Dabei kann der Ausstieg aus dem Konkurrenzsystem eigentlich nur denjenigen große Angst einjagen, die nicht erkennen: Die Fortsetzung der Konkurrenz aller gegen alle müssen wir viel mehr fürchten als den Ausstieg, weil sie in eine Katastrophe führen wird.

Ich habe den Eindruck, dass es viele Leute gibt, die auch am zügellosen Konkurrenzdenken in der Wirtschaft etwas ändern wollen. Wenn immer mehr Leute danach handeln, und vor allem die klügeren, dann könnte das alte System ausgebremst werden. Weil die besten Leute dann nicht mehr in die Unternehmen gehen, die diese Konkurrenz besonders scharf durchpeitschen, sondern sich lieber sinnvolleren Vorhaben widmen.

Die Angst vor gesellschaftlicher Veränderung scheint – besonders in Deutschland mit seiner Vergangenheit – derzeit allgegenwärtig zu sein.

Ich glaube nicht, dass diese Angst heute größer ist als im 16., 17. oder auch Anfang des 20. Jahrhunderts. Nur die Verursacher der Angst sind andere. Derzeit geht sie tatsächlich stark vom wirtschaftlichen Konkurrenzdruck aus. Aber dieses Konkurrenzsystem ist keine Religion, wir müssen also nicht befürchten, bei Verstößen dagegen in der Hölle braten zu müssen. Die Angst in unserem Wirtschaftssystem kommt nur dadurch zustande, dass man die Konkurrenz übertrieben hat: In bestimmten Marktstrukturen ist sie ja positiv, etwa für die Entwicklung neuer Produkte und für die kreative Entwicklung von Menschen. Aber inzwischen gibt es fast keine konkurrenzfreien Räume mehr.

Gute, neue Ideen entstehen nur in einem Raum, in dem dieser Druck nicht zu groß ist. Man muss etwas ausprobieren können, Fehler machen können, ohne dafür bestraft zu werden. Es gibt keine Garantie, dass sich eine Idee durchsetzt – und genau das ist der Grund dafür, warum das Vertrauen von Unternehmen in kreative Prozesse gegenwärtig gering ist. Denn alle stehen unter Konkurrenzdruck, haben Angst vor dem Scheitern und kaum noch Spielraum für Experimente. Da hilft es nichts, dass die Höllenstrafen der Kirchen verschwunden sind, dass wir auch nicht in einer despotischen Gesellschaft leben und dass der Staat relativ freundlich zu uns ist. Die Konkurrenzsituation in der Allgegenwart der Märkte reicht als struktureller Angstmacher völlig aus, um unsere Veränderungsfähigkeiten abzuwürgen.

Was hilft gegen solche Angstmacher?

Das hängt am Bildungsprozess. Er muss selbstbewusste Menschen hervorbringen, die miteinander reden und gemeinsam nachdenken und experimentieren können, bevor sie sich in Konkurrenz zueinander positionieren. Verängstigte Menschen, die sich nicht miteinander austauschen, erschaffen keine Gesellschaft, die von Vernunft geleitet wird. Es ist kein Automatismus, dass die Vernunft siegt. Und es ist anstrengend und zeitraubend, sich langsam zu einer kreativen und vernünftigen Gemeinschaft zu entwickeln.

Wie müsste ein Bildungssystem aussehen, das uns vernünftiger und selbstbestimmter macht?

Man müsste zunächst das Verständnis von Bildung verändern. Derzeit haben viele Eltern die Vorstellung, ihre Kinder müssen in den Bildungsinstitutionen für die gegenwärtige Gesellschaft fit gemacht werden, damit sie auch in der Konkurrenz um Jobs bestehen. Wenn es aber etwas Problematisches in dieser Gesellschaft gibt, wie übertriebene Konkurrenz, dann dürfen sie dafür gerade nicht fit gemacht werden. Doch das Bildungssystem ist träge und grundsätzliche Reformen sind schwierig. Es sind wohl eher die Jugendlichen selbst die sagen: „Wir haben keine Lust mehr, in Schulen zu gehen, die uns auf das sinnlose Leben unserer Eltern vorbereiten.“ Verweigerung ist wahrscheinlich die effektivste Form eines Bildungsumbruchs.

Wenn sich dadurch zeigt, dass das Selektionssystem, nach dem unser Bildungswesen abläuft, nicht mehr zu den gesellschaftlichen Entwicklungswünschen der Jugendlichen passt, dann gibt es auch die Chance auf eine Veränderung. Schon heute sagen manche Studenten: Lieber absolviere ich einen bestimmen Online-Kursus im Internet, auch wenn ich dafür kein Zertifikat bekomme, aber die Inhalte sind besser als die irgendeiner Eliteuni, an der ich einen Haufen Geld bezahlen muss und unter Druck gesetzt werde. Das ist ein Vorteil des Internets: Bildungsangebote werden weltweit zugänglich. Das wird eventuell die Verkrustungen und Ungerechtigkeiten des heutigen Bildungssystems und damit auch der Gesellschaft aufbrechen: Nicht nur Kinder, deren Eltern schon in Harvard waren, können Harvard-Wissen erlangen, sondern auch Arbeiterkinder, die online einen Zugang dazu finden.

Herr Hampe, vielen Dank für das Gespräch.